In jüngster Zeit werden wir besonders in Greenfield-Projekten immer wieder gefragt: Sollte die Verpackungs- und Recyclingabwicklung im neuen SAP S/4HANA mit SAP IS-REA aufgebaut werden? Oder ist SAP Responsible Design and Production die passendere Lösung?


Die Frage lässt sich nicht mit dem Erscheinungsjahr der Software beantworten. Beide Lösungen befassen sich mit Verpackungen und erweiterter Herstellerverantwortung. Sie setzen jedoch an unterschiedlichen Stellen der fachlichen Prozesskette an.

Wer über eine neue Architektur entscheidet, muss zuerst festlegen, welche Aufgabe das System erfüllen soll: Mengen und Kosten gegenüber Recyclingpartnern abrechnen, Verpackungszusammensetzungen über mehrere Märkte verwalten, regulatorische Auswertungen erstellen oder zusätzlich Anforderungen an Verpackungsgestaltung und Konformität bearbeiten. Erst danach wird die Produktwahl sinnvoll.

 

Was SAP IS-REA leistet


SAP IS-REA, auch SAP Recycling Administration genannt, ist eine in den ERP-Prozess eingebundene Lösung für die Recyclingadministration. Ihr Datenmodell arbeitet unter anderem mit REA-Artikeln, Verpackungen und Fraktionen. Aus relevanten Mengenbewegungen, Zuordnungen und den Vereinbarungen mit Recyclingpartnern entstehen Grundlagen für Meldungen und Gebührenberechnungen. Vertragsbedingungen und Preislisten lassen sich partnerbezogen abbilden; Deklarationen und Kosten können in die kaufmännische Abwicklung einfließen.


Das ist mehr als ein Bericht über Verpackungsgewichte. In einer entsprechend eingerichteten Landschaft verbindet REA Stammdaten, mengenrelevante Vorgänge, Fraktionszuordnung, Recyclingverträge, Deklarationen und finanzielle Auswirkungen. Gerade wenn ein Unternehmen etablierte Länderprozesse und konkrete Abrechnungen gegenüber Systembetreibern abbilden muss, ist diese Integration ein wesentlicher Vorteil.


Sie hat zugleich eine praktische Voraussetzung: REA kennt die tatsächlich in Verkehr gebrachte Verpackungsmenge nur so gut wie die eingerichteten Regeln und die zugrunde liegenden Daten. Welcher Artikel welche Verpackung verwendet, wann eine Menge relevant wird und welchem Partner oder welcher Fraktion sie zugeordnet ist, muss fachlich bestimmt werden. Ein falscher Auslöser für die Mengenermittlung wird durch eine korrekte Preisberechnung nicht geheilt.


REA ist auch im SAP-S/4HANA-Umfeld dokumentiert. Die Entscheidung für oder gegen REA sollte daher nicht auf der Behauptung beruhen, die Lösung sei grundsätzlich nicht mehr verfügbar. Ob sie in der konkret geplanten S/4HANA-Edition, Systemarchitektur und Lizenzkonstellation eingesetzt werden kann, gehört allerdings zur Projektprüfung.

 

Was SAP Responsible Design and Production (SAP RDP) leistet


SAP Responsible Design and Production ist eine eigenständige Cloud-Lösung. Sie führt Produkt- und Verpackungsdaten aus SAP-Systemen und gegebenenfalls weiteren Quellen zusammen. Der fachliche Schwerpunkt liegt auf der Zusammensetzung von Produkten und Verpackungen, der Auswertung regulatorischer Anforderungen sowie auf EPR-Meldungen und Abgaben in unterschiedlichen Märkten. SAP beschreibt außerdem Funktionen für die Analyse von Materialvarianten und für bestimmte Dokumentations- und Konformitätsprozesse im Umfeld der europäischen Verpackungsverordnung.


Für ein Unternehmen mit vielen Verpackungsformaten und mehreren Absatzmärkten ist dieser Blick auf die Datenstruktur wichtig. Ein Produkt kann beispielsweise als Stückware, im Umkarton und auf einer Palette ausgeliefert werden. Eine belastbare Auswertung braucht die zugehörigen Verpackungskomponenten, deren Materialien und Massen sowie den Bezug zu den tatsächlich verwendeten Varianten. Für Anforderungen an Rezyklatanteile oder andere Materialeigenschaften werden weitere Merkmale und Nachweise benötigt. Eine reine Gebührentabelle beantwortet diese Fragen nicht.


Die Cloud-Lösung ersetzt allerdings nicht von selbst die Prozesslogik im ERP. Sie muss wissen, welche Verpackung zu welcher Transaktion gehört, welche Gesellschaft im jeweiligen Land verpflichtet ist und welche Mengen dort relevant sind. Auch länderspezifische Berichtsformate und regulatorische Funktionen sind vor einer Auswahl für die benötigten Länder und den aktuellen Produktstand konkret zu prüfen. Die Bezeichnung „PPWR-Unterstützung“ allein sagt noch nicht, dass sämtliche Pflichten der Verordnung für jeden Geschäftsvorfall ohne zusätzliche Daten oder Prozesse abgedeckt sind.

 

Der eigentliche Unterschied: Abrechnungsvorgang oder Verpackungsdatenbasis?


REA beginnt fachlich häufig bei einer festgelegten Abrechnungsbeziehung: Für welchen Recyclingpartner und welche Fraktion ist aufgrund welcher Mengen eine Meldung oder Gebühr zu ermitteln? Responsible Design and Production beginnt stärker bei der Frage, wie sich ein Produkt und seine Verpackung zusammensetzen und welche regulatorischen Auswertungen für verschiedene Märkte daraus entstehen.


Das ist eine Unterscheidung der Schwerpunkte, keine absolute Trennlinie. Auch REA benötigt Verpackungsstammdaten und kann mehrere Länder abbilden. Auch Responsible Design and Production verarbeitet Mengen und berechnet EPR-relevante Verpflichtungen. Ausschlaggebend ist, welche fachliche Tiefe bereits bereitsteht, welche zusätzlich gebraucht wird und an welcher Stelle der Gesamtprozess geführt werden soll.


Ein Beispiel aus der Industrie macht das greifbar: Ein Unternehmen liefert ein Produkt in Stahlfässern, IBC-Behältern oder auf gesicherten Paletten in mehrere europäische Länder. Der Verpackungsaufbau variiert nach Werk, Kunde und Transportweg. Einige Gebinde werden zurückgeführt. Ein Teil der Ware wird über eine andere Konzerngesellschaft vertrieben.


Für REA wäre zu klären, welche dieser Vorgänge in welchem Land in eine Deklaration einfließen, wie die Gebinde den Fraktionen und Recyclingpartnern zugeordnet werden und wie Gebühren sowie eventuelle Korrekturen entstehen. Für Responsible Design and Production wäre zusätzlich zu prüfen, wie die unterschiedlichen Verpackungszusammensetzungen, Komponenten, Materialeigenschaften und Varianten gepflegt und für mehrere regulatorische Auswertungen verwendet werden.


Keine der beiden Lösungen löst die Vorfrage automatisch, wer bei einer konzerninternen Bewegung oder Rückführung in welchem Land welche rechtliche Rolle innehat.


Die entscheidenden Prüfungen im Greenfield-Projekt

 

Geschäftsmodell und Länder: Werden vor allem wenige stabile nationale Meldungen benötigt oder zahlreiche EPR-Regelungen mit unterschiedlichen Materialkategorien und Datenanforderungen? Welche konkreten Länder und Meldeformate sind zum geplanten Produktivstart erforderlich?


Verpackungsrealität: Ist die Verpackung je Produkt stabil oder ändert sie sich nach Werk, Vertriebsweg, Kunde oder Auftrag? Werden Transportverpackungen, Mehrweggebinde, Verbundmaterialien und Verpackungskomponenten bereits mit der nötigen Genauigkeit erfasst?


Auslöser der Mengen: Welche Vorgänge begründen tatsächlich eine relevante Erstbereitstellung oder eine andere meldepflichtige Menge? Wie werden Retouren, Importe, Umlagerungen, Streckengeschäfte und konzerninterne Lieferungen behandelt? Die Antwort muss je Rechtsraum und Geschäftsprozess fachlich feststehen, bevor sie in einer Berechnungsregel umgesetzt wird.


Abrechnung und Finanzintegration: Braucht das Unternehmen partnerbezogene Verträge, Preislisten, Deklarationen, Gebührenkalkulation und eine enge Verbindung zu den ERP-Finanzprozessen? Oder steht zunächst eine übergreifende Datenbasis für Verpackungen und regulatorische Auswertungen im Vordergrund?


Systemlandschaft: Entstehen die relevanten Daten ausschließlich in einem SAP-S/4HANA-System oder in mehreren ERP-, PLM- und Verpackungssystemen? Wer pflegt Verpackungsvarianten, wer genehmigt Änderungen und welche Datenquelle ist für vergangene Meldeperioden maßgeblich?


Umfang und Betrieb: Welche Funktionen sind im vorgesehenen Produktstand tatsächlich verfügbar? Welche Editionen, Schnittstellen, Lizenzen und Betriebsaufwände sind erforderlich? Eine Architekturentscheidung auf Basis einer allgemeinen Produktpräsentation ist hierfür zu grob.


Wann welche Richtung naheliegt

 

REA ist besonders prüfenswert, wenn die partnerbezogene Deklaration, Gebührenabrechnung und Integration in die ERP-Prozesse den Kern der Aufgabe bilden. Das gilt auch für Greenfield-Projekte: Ein neuer Aufbau macht eine bewährte Abrechnungslogik nicht automatisch überflüssig. Entscheidend ist, ob die benötigten Funktionen in der geplanten Systemvariante verfügbar sind und die Länderanforderungen fachlich abgebildet werden können.


Responsible Design and Production rückt stärker in den Vordergrund, wenn Verpackungszusammensetzungen über mehrere Systeme und Märkte hinweg, zusätzliche Materialmerkmale und regulatorische Auswertungen im Mittelpunkt stehen. Der Nutzen muss aber an einem konkreten Fall nachgewiesen werden: vom realen Verpackungsaufbau über den Geschäftsvorgang bis zum benötigten Länderbericht oder Nachweis.


Auch ein Zusammenspiel beider Lösungen ist denkbar, etwa wenn eine bestehende REA-Abrechnung weiterläuft und zusätzliche Verpackungsdaten oder Auswertungen aufgebaut werden. Dann muss jedoch eindeutig festgelegt sein, welches System Verpackungszusammensetzungen führt, welches Mengen ermittelt und welches einen Bericht verbindlich erstellt. Zwei unabhängig gepflegte Verpackungsdatenbestände schaffen neue Abstimmungsprobleme.


Fazit

 

Die Frage „IS-REA oder Responsible Design and Production?“ ist im Greenfield-Projekt zu kurz gestellt. Eine tragfähige Entscheidung beginnt mit einem konkreten Verpackungsfluss und einem konkreten Melde- oder Abrechnungsziel. Erst wenn Verpackungsvariante, rechtlich verpflichtete Gesellschaft, relevanter Geschäftsvorgang, benötigtes Berichtsformat und finanzielle Verarbeitung bekannt sind, lässt sich der Funktionsumfang beider Lösungen sinnvoll vergleichen.


REA bietet einen starken Ausgangspunkt für die integrierte Recyclingadministration und partnerbezogene Abrechnung. Responsible Design and Production adressiert stärker die übergreifende Verpackungsdatenbasis und regulatorische Auswertung. Welche Lösung passt, entscheidet der nachgewiesene Prozessumfang – und nicht die Annahme, dass eine neue Lösung automatisch jede bestehende Funktion ersetzt.


Zusammenfassung: Sergej Schendik (PROVAT GmbH) · 16. September 2026

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